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SIRIUS Welpenschule und Welpenspiel in München bei SIRIUS

Impfung oder Welpenspielstunde? Warum die Antwort „beides“ heißt

Es gibt diesen einen Satz, der beim Tierarztbesuch mit dem neuen Welpen fast schon zum Ritual gehört: „Bloß nicht auf den Boden setzen, bloß keine fremden Hunde, bloß nicht raus, bevor die letzte Impfung durch ist.“ Gut gemeint. Und in der Konsequenz einer der folgenreichsten Ratschläge, die dein Welpe in seinem Leben bekommt.

Ich habe vor Jahren die Empfehlung der amerikanischen Fachgesellschaft für Tierverhalten (AVSAB) übersetzt und hier veröffentlicht. Die reine Übersetzung war mir irgendwann zu wenig. Denn die Frage, die Welpenbesitzer wirklich umtreibt, beantwortet sie nur zwischen den Zeilen: Ist das Welpenspiel wirklich sicher, obwohl mein Hund noch nicht komplett durchgeimpft ist?

Meine Antwort nach über 30 Jahren Hundeschule ist ein klares Ja. Und ich möchte dir hier erklären, warum – nicht aus dem Bauch heraus, sondern mit dem, was wir aus der Wissenschaft wissen.

Das Zeitfenster, das sich nie wieder öffnet

Fangen wir mit dem an, was auf dem Spiel steht. Die entscheidende Phase für die Sozialisierung eines Hundes sind die ersten rund drei Lebensmonate. In dieser Zeit ist das Gehirn deines Welpen wie ein weit geöffnetes Fenster: Neugier überwiegt die Angst, Neues wird als „normal“ abgespeichert. Was der Welpe jetzt kennenlernt – Menschen aller Art, andere Hunde, Untergründe, Geräusche, Autofahrten, der Staubsauger, Kinder, Männer mit Hut – wird zum selbstverständlichen Teil seiner Welt.

Dieses Wissen ist nicht neu. Schon die klassischen Verhaltensstudien von Scott und Fuller in den 1960er-Jahren zeigten, dass Hundewelpen eine sensible Phase durchlaufen, nach deren Ende sich das Fenster wieder schließt. Was der Welpe bis dann nicht positiv kennengelernt hat, bewertet er später schnell als potenziell bedrohlich. Und dann wird aus dem, was hätte selbstverständlich sein können, ein Problem: Angst, Meideverhalten, im schlimmsten Fall Aggression.

Der Haken: Genau dieses Fenster liegt mitten in der Zeit, in der der Impfschutz noch nicht vollständig aufgebaut ist. Wer wartet, bis „alles durch“ ist, wartet oft, bis das Fenster schon halb zu ist.

Die unbequeme Statistik: Woran junge Hunde wirklich sterben

Jetzt kommt der Teil, der wehtut – aber gehört werden muss. Die häufigste Todesursache bei jungen Hunden ist nicht Parvovirose. Es ist nicht Staupe. Es ist Verhalten.

Eine große Untersuchung an englischen Tierarztpraxen (Boyd et al., 2018, Animal Welfare) hat systematisch ausgewertet, woran Hunde unter drei Jahren sterben. Das Ergebnis: 33,7 % aller Todesfälle in dieser Altersgruppe gingen auf unerwünschtes Verhalten zurück – Hunde, die eingeschläfert oder abgegeben wurden, weil sie ängstlich, unkontrollierbar oder aggressiv waren. Damit war Verhalten die mit Abstand häufigste einzelne Todesursache, noch vor Magen-Darm-Erkrankungen (14,5 %). Das häufigste zum Tod führende Verhalten war Aggression.

Lies den Satz gern noch einmal: Ein junger Hund stirbt heute mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit an einem Verhaltensproblem als an einer Infektionskrankheit, gegen die wir impfen. Verhaltensprobleme sind außerdem seit Jahren der häufigste Grund, warum Hunde überhaupt im Tierheim landen.

Ein fairer Einwand vorweg, damit wir sauber bleiben: Diese Zahlen stammen aus Großbritannien und lassen sich nicht 1:1 auf Deutschland übertragen. Bei uns wird ein Hund – zum Glück – nicht so schnell und so einfach eingeschläfert wie in England oder den USA. Nur macht das das Problem nicht kleiner, es verschiebt es bloß: Statt eingeschläfert zu werden, landen diese Hunde bei uns oft im Tierheim, oder ihre Menschen investieren über Jahre viel Zeit, Geld und Nerven in Verhaltenstraining und -therapie, weil der Hund hyperreaktiv, ängstlich oder aggressiv ist. Der Ausgang sieht bei uns anders aus – das Leid dahinter, für Hund und Mensch, ist dasselbe.

Wenn wir einen Welpen also „zur Sicherheit“ isolieren, tauschen wir ein sehr kleines, gut kontrollierbares Infektionsrisiko gegen ein sehr reales, statistisch weit größeres Verhaltensrisiko ein. Das ist kein sicherer Weg. Das ist eine Gefahr mit Verspätung.

„Aber die Ansteckung!“ – Reden wir über das echte Risiko

Der Einwand ist berechtigt, also nehmen wir ihn ernst. Warum ist ein gut geführtes Welpenspiel infektiologisch vertretbar?

Erstens: Dein Welpe ist nicht schutzlos. Über die Muttermilch (das Kolostrum) bekommt er in den ersten Lebenswochen mütterliche Antikörper mit – einen geliehenen Immunschutz gegen genau die Erreger, gegen die die Mutter geimpft oder immun war. Dazu kommt die erste eigene Grundimmunisierung. Diese Kombination aus mütterlicher Immunität und Erstimpfung senkt das Infektionsrisiko in einem kontrollierten Umfeld erheblich. Der Schutz ist nicht null, weil noch nicht jede Auffrischung erledigt ist – er ist bereits erheblich.

Zweitens – und das ist der eigentliche Clou – gibt es Daten dazu. Man muss nämlich nicht raten, wie gefährlich Welpenspielstunden wirklich sind. Das wurde untersucht.

Zum Nachlesen: Die Parvo-Studie

Stepita, Bain & Kass (2013), Journal of the American Animal Hospital Association, begleiteten 279 Welpen, die – mindestens einmal geimpft – an Welpenspielstunden teilnahmen. Ergebnis: Nicht ein einziger dieser Welpen erkrankte an oder wurde verdächtigt auf eine Parvovirose. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass geimpfte Welpen in Spielstunden kein höheres Parvo-Risiko haben als geimpfte Welpen, die nicht hingehen.

 

Das deckt sich mit dem, was ich aus der Praxis sagen kann: In über 30 Jahren Hundeschule hatten wir nicht einen einzigen Fall einer Erkrankung durch einen Erreger, gegen den geimpft wird. Kein Statistiker der Welt würde das als Zufall abtun.

Drittens: Kontext ist alles. „Der Welpe darf nicht raus“ und „der Welpe darf in eine gut geführte Welpengruppe“ sind zwei völlig verschiedene Dinge. Dein Welpe hat auf der Gassirunde ohnehin Kontakt zur Umwelt – zu Grünflächen, auf denen ungeimpfte Hunde waren, zu deren Hinterlassenschaften, zu dem, was Parvoviren monatelang in der Umwelt überdauern lässt. Ein Hundepark mit Hunden unbekannten Impfstatus  ist infektiologisch riskanter als eine kontrollierte Welpenstunde. Die Spielstunde ist, nüchtern betrachtet, mindestens so sicher wie der Spaziergang, den ohnehin niemand verbietet.

Was „gut geführt“ bei uns konkret heißt

Und genau hier liegt der Unterschied, auf den es ankommt. „Sicher“ ist eine Welpengruppe nicht von allein – sie wird sicher gemacht. So arbeiten wir:

Unsere Trainerinnen sind Tierärztinnen. Wir wissen, worauf wir achten müssen, und wir sehen einem Welpen an, wenn etwas nicht stimmt. In unsere Gruppen kommt kein ungeimpfter Hund – die vollständige erste Impfung (SHLPPi) muss mindestens sieben Tage vor dem ersten Besuch erfolgt sein, ebenso eine erste Entwurmung. Jeder Welpe muss gesund sein. Und wir trainieren ausschließlich über positive Verstärkung – mit Belohnung, Lob und Spiel, nicht über Strafe oder „Dominanz“. SIRIUS hat einen riesigen Vorteil: Wir sozialisieren nach dem PuppyPlan Konzept – ein von Tierärzten für Verhaltenstherapie entwickeltes Konzept in 3 Altersstufen, um Deinen Hund den allerbeste Start in ein entspanntes Leben mit Dir zu geben. Studienlage wie Praxis sind hier eindeutig: positives, konsequentes Training führt zu weniger Verhaltensproblemen und besserer Kooperation als strafbasierte Methoden.

Kurz: Wir minimieren das Infektionsrisiko genau dort, wo es sich minimieren lässt – und öffnen dafür das Fenster zur Sozialisierung weit, solange es offen ist.

 

Tiermedizinisches und verhaltensmedizinisches Fazit

Die alte Übersetzung sagte im Kern das Richtige – aber sie sagte es zu vorsichtig. Deshalb hier meine deutliche Version:

Warte nicht, bis dein Welpe vollständig durchgeimpft ist, bevor du mit der Sozialisierung beginnst. Das Zeitfenster schließt sich schneller, als der Impfplan durch ist. Nutze stattdessen ab der achten, spätestens neunten Lebenswoche jede gut kontrollierbare Gelegenheit – allen voran eine seriöse, tierärztlich geführte Welpengruppe mit Impfpflicht und Hygienekonzept. Das ist der Goldstandard der Welpenaufzucht, und die Fachgesellschaften der Verhaltensmedizin stehen geschlossen dahinter.

Isolation fühlt sich sicher an. Sie ist es nicht. Das größte Risiko für deinen jungen Hund liegt nicht im Kontakt – es liegt im Fehlen des Kontakts zu GLEICHALTRIGEN.

Und wenn dein Welpe schon Angst oder andere Verhaltensauffälligkeiten zeigt: Warte nicht ab, ob „das rauswächst“. Sprich uns an oder wende dich frühzeitig an eine Tierärztin für Verhalten. Je früher, desto besser – auch das ist gelebte Prävention.

 

Kurz zusammengefasst

  • Die wichtigste Sozialisierungsphase liegt in den ersten ~3 Lebensmonaten – und damit vor Abschluss der Grundimmunisierung.
  • Verhaltensprobleme, nicht Infektionen, sind die häufigste Todesursache bei jungen Hunden (33,7 % der Todesfälle bei Hunden unter 3 Jahren; Boyd et al., 2018).
  • Geimpfte Welpen in gut geführten Spielstunden haben kein erhöhtes Parvo-Risiko (Stepita et al., 2013: 279 Welpen, 0 Fälle).
  • Mütterliche Antikörper + Erstimpfung bieten bereits erheblichen Schutz.
  • Eine gut geführte Gruppe (Impfpflicht, tierärztliche Leitung, Kontrolle der Impfausweise, Beratung) ist mindestens so sicher wie der normale Spaziergang.

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